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Leben gemeistert: Bericht eines Holocaustopfers

Geschichte Ralph Mollerick erzählt in Niederzissen von seiner Flucht aus Deutschland und einem Leben ohne Eltern

Niederzissen. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die den Holocaust selbst an Leib und Seele erlebt und auch noch überlebt haben. Einer von ihnen war jetzt in der ehemaligen Synagoge in Niederzissen zu Gast und berichtete über seine schrecklichen Erlebnisse.

Ralph Mollerick erzählte mitreißend und sehr authentisch, wie er 1938 nach der Reichspogromnacht als damals achtjähriger Junge zusammen mit insgesamt 10 000 jüdischen Kindern mit einem Kindertransport nach England geschickt und damit vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet wurde. Gemeinsam mit seiner neun Jahre älteren Schwester Edith kam er in England an, war aber fortan auf sich allein gestellt und verbrachte viele Jahre in Heimen und bei Pflegefamilien. Der kleine Junge vermisste seine Eltern in der Fremde sehr und wartete auf sie – bis er 1941 erfuhr, dass sie im Konzentrationslager in Lodz umgebracht worden waren.

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Buchautor David Herschler (links) und der als Wolfgang Möllerich geborene und später in Ralph Mollerick umbenannte Hauptgast des Abends beantworten die Fragen der Besucher. Fotos: Gisela Reichrath

Zu seiner Bestürzung erfuhr Ralph, dass er an der Seite seiner Schwester in die Vereinigten Staaten auswandern müsse. So kam er an seinem 16. Geburtstag in New York an und lebte erneut bei einer Gastfamilie. Dann die nächste Hiobsbotschaft: Seine Schulzeugnisse aus England waren bei einem Brand vernichtet worden. Er musste noch einmal ganz von vorn beginnen.

Von nun an versuchte Ralph alles mitzunehmen, was er an Bildung erhalten konnte. So schloss er die Highschool mit einem Diplom in Wissenschaft und Technologie ab und studierte Maschinenbau am Brooklyn Polytechnic Institute of New York. Im Juli 1954 wurde er amerikanischer Staatsbürger und lernte kurz darauf seine erste Frau Marlene kennen, mit der er drei Kinder großzog. Gemeinsam mit seiner Familie zog er nach Maryland und hatte dort 31 Jahre lang eine erfolgreiche Karriere bei der NASA.

Doch trotz seines beruflichen Erfolges holte ihn die Vergangenheit ein und belastete seine familiäre Beziehung. „Diese seelischen Verletzungen bereiteten mir ein ganzes Erwachsenenleben hindurch große Probleme, was kräftezehrend war auf meine Ehe und auf das Verhältnis zu meinen Kindern abfärbte“ schilderte er seine innere Zerrissenheit, an der auch seine Ehe scheiterte. Er wusste nicht, wie es ist, Eltern zu haben und von ihnen den Umgang und die Erziehung der Kinder zu lernen. Allmählich erkannte er, dass die physischen Traumata und der Verlust der Eltern die Ursache seines Grolls waren. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Phyllis konnte er einen neuen Weg in sein Leben finden. Einen Besuch in Deutschland schloss dies allerdings nicht ein. Das kam für ihn nicht infrage.

Dies änderte sich erst 1993, nachdem ein Jahr zuvor sein Sohn Jeffrey anlässlich einer Geschäftsreise in Deutschland Ralphs alte Heimatstadt Wolfhagen bei Kassel in Nordhessen besuchte und dort Menschen begegnete, die Ralph und seine Eltern kannten. Er ließ sich von seinem Sohn überzeugen und der erste Besuch in Wolfhagen änderte sein Leben. Es war eine Erlösung und versetzte ihn in die Lage, sein Leben, wie jetzt in Niederzissen, zu schildern. Er konnte auf dem jüdischen Friedhof in Wolfhagen einen Grabstein für seine Eltern aufstellen und sie somit symbolisch zurück nach Hause holen. Er traf seine Spielkameraden wieder, schloss Freundschaften und kehrte immer wieder nach Deutschland zurück. 

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Ralph Mollerick reute sich im Anschluss über die Gesprächsbereitschaft zweier Niederzissener Jugendlicher.

Die Begegnung mit den Menschen ist ein Teil seines Versöhnungswerkes und hatte jetzt in der ehemaligen. Synagoge in Niederzissen durch die Vorstellung des Buches „Kindertransport“ eine besondere Note. Sein Freund David Herschler, Historiker und Schwiegersohn der aus Niederzissen stammenden Karoline Leven-Berger, hat sein Leben in dem Buch niedergeschrieben. David Herschler stellte die Beweggründe und die Zusammenarbeit mit Ralph Mollerick vor. Für ihn als Historiker ist die Geschichte Ralph Mollericks – oder Wolfgang Möllerichs, wie er als Achtjähriger in Deutschland hieß –, unauslöschlich mit der Geschichte des Holocaust verknüpft.

So freuten sich beide, dass auch viele junge Besucher bei der Buchvorstellung und Lesung anwesend waren und sich rege am anschließenden Austausch beteiligten, bei dem Brigitte Decker als Dolmetscherin half. .

Das Buch“ Kindertransport“ – Die Lebensgeschichte von Ralph Mollerick kann zum Preis von 18 Euro über den Kultur- und Heimatverein Niederzissen, Tel. 02636/6482 oder E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bestellt werden.

Rhein-Zeitung Kreis Ahrweiler vom Freitag, 4. Mai 2018, Seite 22

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